DER KIRSCHBAUM AUF DEM BERGE
Mein Bruder Spiros, der in Athen wohnte, mich jedoch nicht beherbergen konnte, sagte mir eines Tages, dass es in meinem Falle unmöglich sei, innerhalb der nächsten Monate mit einem griechischen Pass zu meiner Familie zurückzukehren, und dass ich damit rechnen sollte, eingezogen zu werden und meinen Militärdienst abzuleisten. »Oudhe pote, niemals!«, betonte er, »wird es dir gelingen, diese Angelegenheit zu klären.« Er hatte aber meine Eigensinnigkeit und Ausdauer unterschätzt. Als ich nach dreißig Jahren von Athen aus zum ersten Mal nach Ioannina und von dort nach Parakálamos fuhr, um mir beim Gemeindeamt eine Geburtsurkunde ausstellen zu lassen, fühlte ich mich zwischen den mir fremden Landsleuten bereits eingebürgert, vielmehr wie einer von ihnen, der keiner Einbürgerung bedurfte.
Im unteren, größeren Parakálamos angekommen, das heute eine Samtgemeinde ist, dem neun Ortschaften angegliedert sind, steuerte ich sofort auf den Schuhladen des Thomas Tzegas zu, der wusste, dass ich kommen würde. Er fragte mich nach meinen Eltern und forderte mich andauernd auf, vom Leben im Kommunismus zu erzählen, und ich sagte ihm, dass ich darüber nichts wüsste, weil der Kommunismus nur eine Idee sei, woraufhin er lachte und sich mit den Händen auf die Knie schlug. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, fragte er mich ernst, ob ich Geld brauche, und ich solle mich nicht schämen, wenn es so wäre, es ihm zu sagen.
Ich solle von niemandem im Dorf Geld annehmen, falls es mir angeboten würde, nur von ihm selbst. Haralambos hatte mir vor der Abfahrt etwas Derartiges angedeutet, doch ich hatte nicht damit gerechnet, gleich nach meiner Ankunft im Dorf damit konfrontiert zu werden. Ich war wohl nicht der Erste, der aus einem kommunistischen Land gekommen war. Mit rumänischen Lei, polnischen Zloty oder mit Ostmark wäre man hier verloren. Ich hatte Gott sei Dank einiges beim Bau in Athener Wohnblocks im Stadtteil Nea Ionia verdient, so dass ich dankend verneinte. Am meisten freute ich mich darüber, dass meine Geburtsurkunde bei der Gemeinde abholbereit war. Tzegas erwähnte diese für mich fast unglaubliche Tatsache ganz nebenbei.
Er rief seine Frau herunter, zeigte auf mich und fragte, ob sie wüsste, welcher von den beiden Söhnen des Thomas Gekas ich sei, und sie wusste es, denn meinen Bruder Spiros hatte sie längst wiedergesehen; sie nannte meinen Vornamen, fragte ihrerseits nach Katerina und meinen Eltern. Sie boten mir an, einige Tage bei ihnen zu wohnen, aber ich wollte nach dem etwa drei Kilometer entfernten und höher gelegenen Ortsteil Áno Parakálamos, meinem Geburtsort, mein Geburtshaus sehen und einige entfernte Verwandte, die im Dorf lebten. Ich versprach wiederzukommen, und wir gingen zu einem Taxi, welches vor einer Taverne parkte.
Der Wirt Balaskas und die wenigen Männer, die draußen saßen, musterten mich, und nachdem Tzegas mich als einen dikos mas, einen der Unsren, vorstellte und meinen Namen hinzufügte, standen einige auf und hießen mich herzlich willkommen. Balaskas, dessen Familie während des Bürgerkrieges auf der Seite der Nationalisten gestanden hatte, hinkte auf mich zu, legte seine Hände auf meine Schultern und sagte: »Alles unnötig, mein Junge, atima pragmata yinotane totes, ehrlose Dinge geschahen damals, dein Vater hätte nicht fortgehen müssen.«
Er war, wie es sich bald herausstellen sollte, nicht der einzige ältere Mann im Dorf, der mir solche Worte sagte, doch keiner von ihnen, weder Verwandter noch Fremder, wusste etwas, konnte oder wollte mehr zu den Ereignissen der letzten Tage vor der phygi, unserer Flucht, erzählen. »Dein Vater war plötzlich verschwunden«, sagten sie, »und kurz darauf wart ihr alle nicht mehr da.« Mehr brauchten sie, so denke ich heute, nicht zu sagen, selbst wenn sie mehr gewusst hätten, denn was geschehen war, konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Sicherlich waren einige unter ihnen, gleichgültig auf welcher Seite sie im Bürgerkrieg gestanden hatten, zu keiner Zeit Freunde meines Vaters. Dafür waren die damaligen Umstände zu verworren.
Vier Kilometer mit dyo vimata zu umschreiben, was zwei Schritte bedeutet und einen Katzensprung meint, klang sehr verheißungsvoll, doch als wir dann scharf links in eine Geröllstraße einbogen, die sich alle zwanzig Schritte immer steiler nach oben schlängelte, und der alte Mercedes stöhnend hinaufzukriechen begann, hatte ich noch etwas Zeit, mich auf den Augenblick einzustimmen, in dem ich vor dem Haus stehen würde, wo ich zur Welt kam. Ich befand mich in der Landschaft meiner Kindheit, war erregt, glücklich und in gewisser Weise zerstreut nachdenklich. Wie sagt man im Deutschen so treffend: Glücklich sein, dass einem sein Herz zerspringen will! Dann kam alles etwas anders.
Der junge Mann sagte, als wir losfuhren: »Dreißig Jahre sind eine lange Zeit. Dein Dorf wird dir anapoda erscheinen, verkehrt herum. Und dein Haus wirst du nicht gleich erkennen.« Es fällt mir nicht schwer zuzugeben, dass er Recht hatte. Ich hatte einige Mühe, mich zurechtzufinden auf der weiten Wiese (ta siadia genannt) von der Größe eines Fußballfeldes zwischen den hohen Hügeln, an deren Hängen ringsum Häuser klebten.
Anapoda, verkehrt herum schien mir alles, ja, aber doch gleichsam vertraut und mich in einer wunderbaren Weise erotisierend, als hätte mich alles Wahrnehmbare für eine Weile wohlig verhüllt, umarmt, in sich aufgenommen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich diese Landschaft als den Quell meines Lebens stets in mir getragen hatte – und noch heute trage. Die beiden Bäche waren versiegt, und von der Dorfkirche im Hintergrund sah ich nur den kleinen Glockenturm.
Irgendwo dort, hinter den Platanen, wo die beiden Bäche zu einem verschmolzen, sah ich mich für Sekunden nackt zwischen den Steinen liegen, doch diesmal nicht allein, sondern mit einer Wildblume von der Größe eines schönen Hirtenmädchens, an einem helllichten epirotischen Herbsttag. Plötzlich wurde ich von mehreren Stimmen aus meinem Traum geholt, und innerhalb kürzester Zeit war ich von mehreren Menschen umzingelt, von denen einige behaupteten, sie wären Verwandte von mir und hätten gewusst, dass ich kommen würde. Sie waren alle sehr gerührt, und jeder für sich wünschte, dass ich in dessen Haus wohnen sollte.
Doch Spiros Tapas, der Schlachter, verbat sich jede Diskussion, führte mich in sein Haus, stellte mich seiner Frau vor und zeigte mir das Zimmer, in dem ich, solange der ganze Papierkram noch nicht erledigt wäre, schlafen würde. Die Wände waren weiß und fast kahl, das kleine Fenster war vergittert und mit Gaze abgedichtet, über dem Bett, auf dem eine dunkelrote Ziegenhaardecke, eine vilentza, ausgebreitet war, hing ein Bildnis der Muttergottes. Toilette und Dusche befanden sich separat hinter dem Haus, im Vorgarten standen unter einem Feigenbaum ein großer Holztisch und drei lange Holzbänke.
Draußen warteten Thomas Betsias, der Bruder von Fotinis erstem Mann und also meines Neffen Jorgos Onkel, Petros Zigounas, der schon vor Jahren aus Taschkent zurückgekommen war, und eine Tante Anna, die, wie sie mir etwas später wortreich erzählen sollte, aus unserem Hof und dem unteren Raum des verfallenen Hauses einen Ziegenpferch gemacht hatte. »Ela, komm, Panagiotis, zeig` uns euer Vaterhaus, du kannst es, vielleicht, von hier aus sehen, und die Schule auch«, sagte Tapas. Eine andere Stimme (die meines Vaters?), tief in mir, sagte: »Wenn du jetzt losgehst, sei nicht dumm, wird Anna dir folgen, und du folgst ihr.«
Und ich ging auf die riesige Platane zu, sah den alten Brunnen in ihrem Schatten, erblickte am gegenüberliegenden Ufer des Asprolakos die ersten Häuser, rechts dahinter, mitten im Grün, die Schule, und dann links, neben dem Sandweg, einen aufgetürmten pflanzenbewachsenen Steinhaufen inmitten von hergerichteten Häuschen, die offensichtlich bewohnt waren. Das Haus, in dem ich geboren wurde. Ich schaute hinauf zur Bergspitze, wandte meinen Blick dorthin, woher ich gekommen war, und alles war an seinem alten Platz: die Häuser von Tapas und Betsias, das Haus meines Onkels Athanassios und der hohe Berg dahinter. Ich betrachtete mit wohligem Erschauern die Landschaft meiner Kindheit.
Nach einer Weile fragte Anna, ob ich von hier aus den Kirschbaum sehen könne, da, ganz oben auf dem Berg: »Tin kerassia tou Thoma Geka, so genannt nach deinem Vater, der eines Morgens in aller Frühe das Kirsch-Stämmchen mitnahm und dort oben einpflanzte, wo die Hirten auf ihren Weidewegen zu rasten pflegten.«
Ich richtete meinen Blick auf die Bergkuppen vor uns, und, ich gestehe, dass ich, ohne ausmachen zu können, wo genau der Kirschbaum stand, plötzlich spürte, wie meine Kindheit für einen Moment lebendig, wie sie auf einmal, losgelöst von meinem Gedächtnis, Wirklichkeit wurde. Bäume und Berge und Sonne und Himmel meines Dorfes und ich verwoben sich zu einem Ganzen. Niemand im Dorf konnte ahnen, welche Gefühle mich im Rausch der Erinnerungen durchströmten.
Niemand konnte wie ich meines Vaters und meiner Mutter Stimme vernehmen. Ich blieb im Traum, bis Annas Stimme mich zurückrief: »Sag schon, Panait, siehst du den Kirschbaum auf dem Berg?« Nein, ich konnte den Kirschbaum von hier aus nicht sehen, aber ich hatte davon gehört, dass es ihn gab. Nicht nur von meinen Eltern. Später einmal bin ich dort hinaufgestiegen, um zu sehen, ob er noch da steht oder ob nur die Stelle so heißt, wo er einst stand. Und in der Tat, dort oben, »beim Kirschbaum des Thomas Gekas«, gibt es reichlich Quellen mit kaltem Wasser und eine Wiese, die zum Ausruhen einlädt. An dieser Stelle rasten die Hirten auch heute noch gern. Auf dieser Wiese steht ein alter Baum, der einem Kirschbaum nicht unähnlich sieht. In voller Blüte sah ich ihn nie. Aber in meinem Herzen wird er immer blühen.
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